Zertifikate-GAU: Besitzer erleiden über Nacht Totalverlust
Samstag, 27. September 2008
Die internationale Finanzmarktkrise ebnet sich allmählich den Weg zu den Vermögenswerten der deutschen Privatanleger. Schien es bis vor kurzem noch so, dass lediglich die Besitzer von Wertpapieren unter den weltweit fallenden Aktienkursen zu leiden hätten, änderte sich diese Situation mit der Insolvenz der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers schlagartig.
Der Zusammenbruch von Lehman Brothers führt dazu, dass Privatanleger, die in ihrem Depot Zertifikate dieses Emittenten liegen haben, ihre Vermögenswerte in diesen Papieren vermutlich komplett verlieren werden.
Zertifikate sind Inhaberschuldverschreibungen
Der Grund dafür liegt in der oft übersehenen Tatsache, dass Zertifikate Inhaberschuldverschreibungen der ausgebenden Kreditinstitute sind. Dieses bedeutet nichts anderes, als dass der Käufer eines Zertifikates der emittierenden Bank einen Kredit gibt und die Rückzahlung damit direkt von der Bonität der Bank abhängt.
Zertifikate fallen aus diesem Grund weder unter den Schutz des Einlagensicherungsfonds, noch haben sie den Status eines Sondervermögens, wie es bei Investmentfonds der Fall ist. Im Falle einer Bankenpleite sind diese Papiere damit praktisch wertlos, es sei denn die Konkursmasse reicht aus, auch die unbesicherten Verbindlichkeiten des Kreditinstitutes zu begleichen.
Emittentenrisiko wurde lange Zeit kaum beachtet
Viele Zertifikate-Besitzer dürften sich spätestens jetzt verwundert die Augen reiben, wurden ihnen doch von ihren Bankberatern oftmals Versprechen gegeben, die 100 Prozent Kapitalerhalt garantierten, bei einer Rendite, die deutlich oberhalb des erzielbaren Zinsniveaus für Tagesgeld oder Festgeld lag. Das Emittentenrisiko, welches im Kleingedruckten definitiv vorzufinden ist, wurde meistens nicht erwähnt. Ob dieses durch mangelndes Risikobewusstsein des Bankberaters geschehen ist oder durch ihn bewusst verschwiegen wurde, um den Abschluss nicht zu gefährden, ist zwar ein Unterschied, hilft den heutigen Zertifikate-Besitzern allerdings wenig weiter.
Deutscher Zertifikatemarkt hat sich in den letzten Jahren verdoppelt
Der deutsche Zertifikatemarkt selber hat in den vergangenen Jahren aufgrund der vermeintlichen Sicherheit, kombiniert mit attraktiven Renditechancen deutlich an Zuspruch gewonnen. Laut Schätzungen des Deutschen Derivate Verbandes verdoppelte sich das von deutschen Privatanlegern in derivative Wertpapiere investierte Volumen seit Juni 2005 auf zuletzt 124,5 Mrd.
EUR. Der Anstieg erscheint im Zusammenhang mit der „deutschen Vollkasko Mentalität“ nicht verwunderlich, da die Anleger durch Begriffe wie beispielsweise Garantiezertifikate, Bonuszertifikate oder Discountzertifikate in vermeintlich sichere Anlageprodukte gelockt wurden.
Ausfälle von weiteren Emittenten kann man nicht ausschließen
Mit dem Fortschreiten der Finanzmarktkrise stellt sich für Zertifikate-Besitzer nun die Frage, ob es zu weiteren Verwerfungen kommen kann, so dass sich das Risiko erhöht, dass ihr Emittent ebenfalls ins Schlittern gerät. Unserer Meinung nach sollte man diese Gefahr keinesfalls außer Acht lassen, da die Bankenkrise vollkommen unberechenbar zu sein scheint.
Vor einigen Monaten hätten nur die wenigsten Marktteilnehmer damit gerechnet, dass es in den USA zukünftig keine Investmentbanken mehr nach alter Vorstellung geben wird. Ein weiterer Hinweis auf die prekäre Lage sind die momentanen Interventionen der weltweiten Finanzaufsichten und Regierungen in die Finanzmärkte.
Fazit
Zertifikate-Besitzer sollten sich umgehend über die Bonität ihres Emittenten informieren und sich mit ihrem Bankberater oder Finanzberater in Verbindung setzen und die Kapitalmarktsituation besprechen. Darüber hinaus empfiehlt es sich bei möglichen Neuengagements einen Emittenten zu wählen, der eine hohe Bonität aufweist. Aufgrund der momentanen Sondersituation, in der sich die Finanzmärkte befinden, erscheint Vorsicht besser als Nachsicht und die Erhaltung des Kapitals sollte im Mittelpunkt der Anlagestrategie stehen.


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